Gerhard Dauscher spricht über Italien, Esel und Detailversessenheit

Gerd, wir saßen fast genau vor einem halben Jahr zusammen. Was hat sich seitdem getan?

Nachdem wir uns ein halbes Jahr durch Stahl und Holz gewühlt haben, steht nun endlich das Grundgerüst für die Landschaft. Das ist für uns Modellbauer ein ganz besonderer Moment – quasi ein Richtfest. Nach dem Skelett kommt nun die Haut. Aus Fliegendrahtgitter und Gips entsteht nun gerade die Landschaft und man kann zum ersten Mal live in 3D sehen, ob die Bilder aus dem Kopf auch mit der Wirklichkeit standhalten können.

 

Und können sie es oder hast Du Dich verplant?

Hin und wieder bin ich schon erstaunt. In meinem Kopf hatte ich am Anfang gar nicht so einen großen Felsanteil und manchen Berg hatte ich mir nicht ganz so steil vorgestellt. Aber das Gute ist ja, dass jeder unserer Modellbauer seine eigenen Bilder entwickelt und gerade aus der Summe der Einzelbilder ein stimmiges Gesamtbild entsteht. Das sieht man gerade schön an der Amalfiküste, wo sich die Hitze auch in der Patina der Felsen widerspiegeln sollte. Es war ein großes Experiment mit der Felsfarbe. Ich war angespannt, bin aber vom Ergebnis begeistert.

Chefmodellbauer Gerhard Dauscher vor den ersten Felsen der Amalfiküste.

Chefmodellbauer Gerhard Dauscher vor den ersten Felsen der Amalfiküste.

Und so ein richtig großes Malheur – zum Beispiel eine Gleistrasse ins Nichts.

Glücklicherweise hat bis jetzt fast alles gepasst. Hin und wieder müssen wir ein paar Schönheitskorrekturen vornehmen. Aber das gehört einfach dazu. Obwohl wenn ich genau nachdenke: einen Fehler gab es doch. Nachdem ich alle Gleise fertig geplant hatte, ist mir aufgefallen, dass ich die Fläche für die Toskana einfach mit Gleisen überzogen habe. Da mussten wir noch einmal eingreifen und haben einen Hügel geopfert und haben nun zumindest eine Mini-Toskana.

 

Das klingt ja so als ob alles nach Plan verlaufen würde. Im letzten Interview hast Du gesagt, dass ihr momentan mit der Eröffnung im November 2015 rechnet. Steht das noch?

Um es wie ein Politiker zu sagen: Auszuschließen ist es nicht. Wir merken aber jetzt schon, dass sich die typische Wunderlandkrankheit der chronischen Detailversessenheit wieder ausbreitet. Wir wollen natürlich von Abschnitt zu Abschnitt besser, sprich noch detaillierter werden. Dabei verzettelt man sich aber auch gern einmal. In Italien werden zum Beispiel in den Felsen von Anfang an ganz viele Details, wie kleine Kapellen, eingearbeitet. Da kann es schon mal vorkommen, dass man mit ein paar Quadratzentimetern eine Woche beschäftigt ist. Auf der anderen Seite macht das das Wunderland ja auch aus und wir haben das große Glück nicht an einem bestimmten Datum öffnen zu müssen, sondern dann, wenn wir es selber als perfekt empfinden.

 

Wenn man sich den Flughafen anschaut fällt es schwer mir vorzustellen, dass es noch detaillierter wird. Wie wollt ihr das schaffen?

Das in der Tat gar nicht einfach. Aber es wäre ja langweilig, wenn wir nicht den Anspruch hätten immer besser und noch ein bisschen verrückter zu werden. Für den jetzigen Italien-Abschnitt sind wir ganz anders an die Planung gegangen. Wir haben uns viel länger und intensiver mit dem Land auseinander gesetzt, als zum Beispiel noch in Skandinavien. Zudem sind wir mit dem kompletten Modellbau in die Regionen gereist, die wir bauen wollen und jeder konnte sich vor Ort ein Bild machen. Das eine ist die schöne Oberfläche, das andere der Inhalt und die fundierte Detaillierung. Ich bin guter Dinge, dass sich das auch in der Tiefe widerspiegeln wird und wir dadurch an Qualität gewinnen werden.

 

In Italien ging es ja auch um verkürzen und reduzieren. Schließlich haben wir nur 170 qm und können nicht alles darstellen. Nach so einer Reise kommt doch bestimmt jeder mit neuen Ideen und das Verkürzen fällt noch schwerer. Wie bist Du denn damit umgegangen?

Klar, das ist schon ein Problem. Wir haben nicht genügend Platz, um alles nachzubilden. Aber es geht ja nicht gleich immer um ganze Landstriche und Gebäude. Vor allem geht es um Details, witzige Geschichten und einen möglichst vielschichtigen Blick. Und davon kann es gar nicht genug geben. Um mal ein Beispiel zu nennen: Wir waren in Atrani und haben uns gefragt, wie aus den steilen engen Gassen der Müll abtransportiert wird. Darüber hätten wir uns hier in Hamburg gar keine Gedanken gemacht und hätten vergessen die Esel einzubauen, die das Straßenbild dort prägen und den Müll wegschaffen. Auf genau solche Details und Geschichten sind wir hundertfach gestoßen.

 

Die Esel sind also gesetzt. Was kommt als nächstes – wie weit werden wir zum Ende des Jahres sein?

Wir wollen bis zum Ende des Jahres mit der Amalfiküste komplett fertig sein. Das ist auch unser Hauptziel – daran arbeitet momentan fasst der komplette Modellbau. Zudem liegt unser Augenmerk auf Rom. Wir wollen auf jeden Fall bis zum Jahresende das Colosseum komplett fertig haben und beim Petersdom zumindest das Grundgerüst.

 

Dann wünschen wir euch viel Glück und freuen uns auf Esel, das Colosseum und sonnengegerbte Felsen an der Amalfiküste.

Das Holzgerüst steht. Ein wichtiger Meilenstein für Gerd und sein Team.

Das Holzgerüst steht. Ein wichtiger Meilenstein für Gerd und sein Team.

 

 

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One comment on “Gerhard Dauscher spricht über Italien, Esel und Detailversessenheit
  1. Datteroni sagt:

    Das Gute ist, dass man inzwischen von Woche zu Woche erhebliche Baufortschritte sehen kann, zum Beispiel in den regelmäßigen Wochenberichten im Forum. Dennoch entspricht es einer „alten“ MiWuLa-Tradition, dass man nicht zum zuerst angepeilten Termin fertig wird. Das macht fast gar nichts, denn „lieber schön als schnell“ :-)

    Arrivederci!
    Datteroni

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