Staubvermeidung in Italien – Interview mit unserem Wunderland-Architekten Dirk Rahe

Bereits seit 14 Jahren ist Architekt Dirk Rahe im Miniatur Wunderland tätig und somit quasi Wunderländer erster Stunde. Im Anfangsstadium eher für die Bauleitung zuständig, ist er nun Leitung der Haustechnik und kümmert sich um Themen wie u.a. Lüftung, Klima und Brandschutz. Somit ist er auch Ansprechpartner Nummer 1, wenn es um das Thema Staubvermeidung in unserer Anlage geht.

Wunderland-Architekt Dirk Rahe

Wunderland-Architekt Dirk Rahe

Hallo Dirk, gib uns doch bitte zu Beginn einen kleinen Überblick über das Thema Lüftung und Staubvermeidung im Allgemeinen.

Dazu muss man erst einmal ein bisschen ausholen und sich die Speicherböden mal genau angucken. Als die Speicherstadt 1880 entwickelt wurde, hat damals natürlich niemand im Auge gehabt, dass hier mal eine Modellbahnausstellung mit 1,2 Mio. Besucher pro Jahr installiert wird. Damals wurden die Räume in erster Linie nach ganz pragmatischen Vorstellungen gebaut. Mehr als drei Meter Deckenhöhe war nicht notwendig, das reichte zum Stapeln von Tee- und Kaffeesäcken. Also hat man es bei diesen Höhen belassen. Als wir hier im Jahr 2000 reingezogen sind, haben wir dadurch natürlich Vorgaben gehabt, an denen wir nichts ändern konnten.  „Normalen“ Veranstaltungsflächen sind  meist so gebaut, dass in den Räumen Installationsebenen vorgesehen sind. Installationsebenen sind Freiräume von gut einem Meter unter der Decke, um Elektroleitungen, Lüftungs- und Klimaanlagenkanäle zu installieren. Das fehlt hier komplett. Wenn wir uns jetzt noch den Raum mit Besuchern vorstellen, dann sieht man ganz schnell, dass zwischen der Durchschnittsgröße und der Deckenhöhe gerade mal nur einen Meter Platz verbleibt. Also relativ wenig Freiraum, für einen optimalen Lufttransport

Welche Nachteile hat diese niedrige Deckenhöhe denn genau?

Es gibt zwei entscheidende Nachteile. Zum einen besteht die Schwierigkeit darin, dass  in der knappen Freifläche eine relativ hohe Luftgeschwindigkeit notwendig ist und zum anderen stauen sich über den Gästen schnell Gerüche. Das kann man sich wie eine Art Dunstglocke über den Besuchern vorstellen. Jetzt besteht meine Aufgabe darin, den Leuten nicht nur genug Luft zur Verfügung zu stellen – im Durchschnitt -verbraucht eine Person nur 25 Liter in der Minute –, sondern in erster Linie den Anteil von Gerüchen und Feuchtigkeit möglichst niedrig zu halten, weil man sich sonst sehr eingeengt fühlt und es stinkt. Wir wissen ja, wie  unangenehm es ist. Weiter führt hohe Luftfeuchtigkeit dazu, dass man noch mehr transpiriert. Wenn ich einen Meter mehr Deckenhöhe hätte, bräuchte ich nicht mal die Hälfte an Luft .Da dies aber nicht der Fall ist, haben wir unsere Lüftungsanlagen spezifisch auf die niedrige Deckenhöhe ausgelegt. . – Im Ergebnis sind es zur Zeit bis zu 1000 Litern pro Minute pro Person , es sind weit über 70.000m³ pro Stunde abrufbar- Die Lüftungsanlage bringt über Wärmetauscher ausschließlich aufbereitete Zuluft , die noch einmal gefiltert wird in die Räume. Dabei handelt es sich um Filter der Klassen 6 und 7. Somit ist  die Luft, die jetzt herein kommt, schon sehr sauber und staubfrei. Und diese Luft verursacht auch nicht den Schmutz auf der Anlage.

Aber woher kommt dann nun der Dreck?

Das sind ganz klar die Besucher. Wir haben eine relativ hohe Luftgeschwindigkeit über den Köpfen und blasen sozusagen den Leuten den Staub von der Kleidung und natürlich  auch Schuppen und Haare und Talg von den Gästen. Das ist genau der Schmutz, der sich auf der Anlage niederschlägt und zwar meistens in Form von „Nestern“ auf Grund kaum zu vermeidender Verwirbelungen. Wir versuchen wie auch in den alten Abschnitten  im Italienabschnitt  über der Anlage die Luft herein zu blasen und über den Köpfen der Leute wieder abzusaugen. Das gleichmäßige Einbringen der Luft lässt sich mit speziellen Technologien ganz gut machen. Wir verwenden hierzu neuerdings luftdurchlässige Stoffleitungen, die die Luft möglichst laminar, also gleichmäßig, ausströmen lassen, um wenig Verwirbelungen zu haben. Jede Verwirbelung bringt immer mit sich, dass unkontrolliert irgendwo Dreck auf der Anlage als Nest liegen bleibt.

Die Luft jetzt noch gleichmäßig über den Köpfen wieder abzusaugen, ist allerdings nicht so einfach. Wir haben überall Unterzüge unter den Decken und müssen die Abluftleitungen unter diesen anbringen. Die Fachwerkkonstruktion der Räume mit den Säulen und den Unterzügen –ein typisches Merkmal der Speichstadt- ist unbedingt zu erhalten. Ich versuche zudem das Raumgefühlt möglichst zu erhalten und nicht durch übermäßige Lüftungskanäle, die zudem viel zu tief geführt werden müssen einzuschränken. Somit wird die Luft mehr oder weniger  zentral abgesaugt, was auch in der Zukunft dazu führt, dass irgendwo Drecknester liegen bleiben. Viel mehr Möglichkeiten habe ich leider nicht. Ich kann also nur versuchen, über Stoffkanäle, wie bereits erwähnt, Zuluft gleichmäßig  einzubringen. Wenn wir dann später irgendwo Stellen finden, an denen sich gehäuft Dreck sammelt, werden wir versuchen, diese Stellen über einzelne Luftwäscher noch zu verkleinern. Diese Technik setzen wie seit  6 Jahren in Skandinavien ein. Dort haben wir Luftwäscher auf Ionisationsbasis. Die Partikel in der Luft  werden über den Ansammlungen ionisiert und dann aus der Luft rausgesogen, was einen spürbaren  Erfolg bringt. Aber die Luft 100%ig frei zu bekommen, so dass das Reinigungsteam morgens nichts mehr machen muss, geht leider nicht.

Das ist aber jetzt eigentlich nicht spezifisch auf Italien, sondern eher auf die komplette Anlage bezogen, oder?

Ja, es bezieht sich auf die komplette Anlage. Wir haben in Italien aber einen Vorteil. Zum einen haben wir jetzt fast 14 Jahre Erfahrung mit der Lüftung in den Speicherböden. Wir konnten bereits beim Umbau 2012 mit neuen effizienten Lüftungs-und Kältegeräten sowie einer veränderten Schachtbelegung die Luftführung zielgerichteter herstellen  als in den vorherigen Abschnitten. Vor 14 Jahren waren wir abhängig von dem was die HHLA, der Vermieter, vorinstalliert hatte und durften nur wenig verändern. Das hat sich seit 2006 geändert, da wir mit 7000m² mehr als Dreiviertel des Gebäudes gemietet haben. In dem Bereich Schweiz (ein Gebäudeteil der nach dem Weltkrieg vollständig neu aufgebaut wurde) war es besonders schwierig, da wir dort unschöne dicke Betonunterzüge haben. Löcher für Lüftungskanäle konnten da nur wenige und das nach genauer statische Vorgabe gebohrt werden. Die gute Luftqualität mussten wir uns hier durch hohe Luftgeschwindigkeiten erkaufen.  Aber in den zukünftigen  Abschnitten haben wir jetzt im Vorfeld schon die Kanäle, die zuführenden und abführenden Luftkanäle, so positioniert, dass wir viel besser auf die Anlage einblasen und auch absaugen können. Wir sind auf dem richtigen Weg. Vieles was wir hier entwickelt haben wurde nach anfänglichen Zweifeln einiger Fachplaner mittlerweile als zielführende Lösung in anderen Speichblockentwicklungen aufgegriffen und erfolgreich angewendet. Dazu zählen auch ein Kühltürme im Dachgeschoss und neuste Kältetechniken. Aber auch neue Filter und Wärmerückgewinnung von Fettabluft ist größeren Mengen. Deshalb wird es in diesen Bereichen [Italien, Anm. d. Red.] auch bestimmt besser werden, als in den alten Bereichen. Aber natürlich wird es auch Dreck geben, dagegen können wir bei den Gegebenheiten leider nichts machen.

Veröffentlicht unter Text